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Ulrike S.
23. Brief Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

Liebe von der Zwangserkrankung Betroffene,

 

Für all jene, die mich von der Seite her noch nicht kennen, möchte ich mich noch kurz vorstellen:

Ich habe 27 Jahre lang zunächst unter Kontrollzwang und dann, sich verschiebend, unter Waschzwang gelitten. In dieser langen Zeit des Krankseins haben sich außerdem verschiedenste andere Zwanghaftigkeiten dazugesellt (religiöse Zwänge, zwanghaftes Zählen, .....), so daß ich schon aus eigenem Erleben viel Verständnis dafür habe, was Zwangserkrankung bedeuten kann. Es war eine zunehmend sehr schlimme Zeit, ich war mir so fremd geworden. "Wie kann ich überhaupt noch funktionieren?", das war meine große Angst. Endlich hatte ich erfahren, daß es Hilfe gibt, das war die Kognitive Verhaltenstherapie.

Diese hatte zwei Jahre gedauert, dann war der "Spuk" vorbei. Anschließend an die beendete Therapie konnte ich 13 Jahre lang bei meinem ehemaligen Therapeuten als Cotherapeutin arbeiten. Das war ein "Job", der sich aus meinem Interesse für die Behandlung von Zwangskranken ergeben hatte und eigentlich nicht als Berufsbild möglich und etabliert ist. Nach Beendigung dieses "Jobs" habe ich auf der www.zwaenge.at  das "Sorgentelefon" übernommen. Das wäre also ganz grob  umrissen mein "Steckbrief".

Heutzutage gibt es viel mehr an Informationsmöglichkeiten rund um die Zwangsproblematik als zur Zeit meiner Erkrankung. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan. Der Beginn meiner eigenen Erkrankung liegt nun schon an die 30 Jahre zurück. Damals hieß es: Es gibt keine Therapie. Mir wurde lediglich empfohlen, möglichen Auslösern von Symptomen aus dem Weg zu gehen. Das war eine schwer erfüllbare Empfehlung, da meine Zwänge doch so sehr mit den Mitmenschen und den Erfordernissen in meinem Alltag zu tun hatten! Heute gibt es gute Therapiemöglichkeiten und Medien, die davon berichten.

Deshalb habe ich mir vorgenommen, Euch hauptsächlich davon zu erzählen, was mir in meiner eigenen Therapie besonders geholfen hat, und was ich durch meine Erfahrungen zum Abbau von Zwängen gut finde. Die Ratschläge sind also von mir erprobt, denn ich habe eine erfolgreiche, erlebnisreiche, aber schon recht schwierige und fordernde Therapie hinter mir. Jetzt also zur wohl wichtigsten Erfahrung, die ich gemacht habe:

Ohne zum Teil massiven Einsatz und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Therapeuten oder der Therapeutin wird Therapie wohl nicht so gelingen, daß sie nachhaltig hilft und erhebliche Besserung, wenn nicht gar praktisch Freisein von den Symptoen bringt.

Auf zur Erfahrung Nummer zwei:

Mir hatte das Modelllernen sehr viel gebracht. Ich muß immer wieder an dieses Lernen denken, wenn ich beobachte, wie meine dreijährige Enkelin ständig nachmacht, was ihr der fünfjährige "große Bruder" vormacht. Sie lernt Treppensteigen wie er das schon kann und Puzzlespielen und von eins bis zehn zählen. Daß der große Bruder dieses Nachahmen seiner kleinen Schwester auch manchmal ausnützt und sie zu allerhand Lausbübereien animiert, das ist eine andere Geschichte! Kinder lernen durch Nachmachen. Zwangspatienten sind in manchen vom Zwang besetzten Situationen in ihrer Unsicherheit wie kleine Kinder. Das sollen und dürfen wir uns eingestehen, dann können wir auch unsere zwangsbedingte Hilflosigkeit akzeptieren und durch vertrauensvolles Nachahmen lernen, was Therapeuten uns zeigen. Das gilt für`s Handeln, wie auch für`s Denken und für`s Aufgeben von alten Vorstellungen. So war die Begleitung und das Vormachen durch den Therapeuten dort, wo der Zwang stattfindet, für mich zunächst von geradezu lebensnotwendiger Bedeutung. Patienten können daran lernen, wie der Therapeut Hände wäscht, eine Türe schließt, sie lernen durch miteinander Arbeiten beim Hausbesuch, daß Dinge stehen dürfen, wie Sie es wollen und nicht wie der Zwang das einfordert; daß Einkaufen auch recht fein sein kann und kein von Zwangsangst begleiteter Spießrutenlauf; daß ein Nachfragen an der Kasse im Warenhaus oder im Gespräch mit anderen unterbleiben darf - ohne die zwanghaften Grübeleien danach. Vieles kann durch "Abschauen" und Nachahmen gelernt werden.

Ich war, das habe ich schon erwähnt, durch viele Jahre sogenannte Cotherapeutin. Das ist meines Wissens leider noch kein wirklicher Beruf mit Ausbildung und Berufsabschluß. Aber Therapeuten können selbst mit Euch "vor Ort" gehen, oder angebunden an Institutionen medizinisches Personal (z.B. psychiatrische Krankenpfleger oder Pflegerinnen) oder auch Psychologiestudenten in Ausbildung bitten, Euch in Form von Zusammenarbeit mit dem Therapeuten begleitend helfen.

Und nun zu Therapieerfahrung Nummer drei:

Die Therapie der Wahl für Zwangskranke heißt Kognitive Verhaltenstherapie. Kognitiv heißt hier: die Erkenntnis betreffend. Die Erkenntnis, dass frühere Vorstellungen im Denken und Handeln von der Zwangskrankheit herrühren können; dass Ihr lernen solltet, diese alten Vorstellungen aufzugeben um euch auf Neues einlassen zu können. Das heißt z. B. zu lernen, daß es nichts Hundertprozentiges gibt, daß wir uns auch mit Fehlern gern haben dürfen und von anderen (netten!) Leuten akzeptiert und gemocht werden. Dass nicht jedes Übersehen gleich zur Kathastrophe führt. Dass es Missverständnisse geben darf, dass es absolute Sauberkeit und Freisein von Keimen nicht gibt, dass wir auch mal etwas riskieren sollen, sonst erstarren wir im ewig Althergebrachten; daß Gott (so wir an Gott glauben) unendlich barmherzig ist. Wir lernen, uns wieder selbst zu vertrauen.

All diese Erkenntnisse habe ich für mich geradezu lebensnotwendig in die Therapie gepackt. Ich habe das "Hilfsgedanken" genannt und die verschiedensten Hilfsgedanken vor, während und nach Therapieschritten eingesetzt. Obwohl ich mich im großen und ganzen zwangsfrei nennen darf, mag ich solche Hilfssätze heute noch gerne. Vorsicht! Wenn ihr z.B. Angst habt, ihr könntet Eurem Kind etwas antun, dann sagt nicht: "Ich bin doch eine gute Mutter." Das ist kein Hilfsgedanke, sondern eine Rechtferigung für einen Zwangsgedanken. Mit dem Zwang diskutiert man nicht, der will immer das letzte Wort haben.

In der Therapie hätte ich mir neues Handeln Lernen nicht ohne die Begleitung von hilfreichen Gedanken vorstellen können. Ich habe das, glaube ich, in einem meiner drei Büchlein beschrieben: Da habe ich mir einmal vorgenommen, zum Bahnhof zu gehen und mich dort therapiemäßig herumzutreiben. Das klingt jetzt locker aber für mich war das damals schon eine riesen Herausforderung. Große Angst habe ich vor dem für mich so ekeligen Bahnhof gehabt. Auf dem ganzen Weg zum Bahnhof habe ich mir vorgeagt: "Es ist nichts, was ich zu fürchten brauche."

So, das waren meine drei wichtigesten Ratschläge. Was ich sonst noch erlebt habe, als Kranke, in Therapie, als Gesunde danach, das könnt ihr in meinen drei Büchlein nachlesen. Ich werde sie zum Schluß noch genauer erwähnen.

Liebe Betroffene! Etwas zum guten Schluß: Internet kann für Informationen gut sein, aber lesen Sie die negativen Erfaharungen von Betroffenen lieber nicht. Wer weiß, weshalb manche keinen oder wenig Erfolg hatten. Probiert es lieber selber aus, lasst Euch auf Hilfe in Form von Kognitiver Verhaltenstherapie ein. "Ich bin neugierig, was passiert," hatte kürzlich ein Anrufer gesagt, der sich nach zehn Jahren Krankheit mutig zu einer Therapie angemeldet hat. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich durch eine Therapie von meinem zwanghaften Verhalten lassen kann", das höre ich auch immer wieder und konnte es mir vor meiner Therapie auch absolut nicht vorstellen. Diese Therapie muß man erleben, dann stellt sich die Einsicht ein. Ich selbst habe Therapie zunächst gefürchtet und gleichzeitig sehr herbeigesehnt. Unvorstellbar, wenn ich mich nicht drauf eingelassen hätte!

Und noch etwas: Schließt nach beendeter Therapie nicht aus, Euch wieder einmal ein Auffrischungsgespräch beim Therapeuten zu gönnen, wenn ihr das gut für Euch findet. Der Zwang hängt sich gerne an schwierige Lebenssituationen.

Ich grüße Euch recht herzlich und wünsche Euch Ausdauer, Mut und viel Kraft in der Therapie. Es darf ruhig eine Schritt-für-Schritt Therapie sein, für die ihr Euch und dem Therapeuten Zeit geben könnt.

 

Und nun zu den Daten:

 

Die Bücher:

 

"Der Weg aus der Zwangserkrankung" Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgefährten.   Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker.

"Hilfreiche Briefe an Zwangskranke"  Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker.

"ABC für Zwangskranke" Tipps einer ehemals Betroffenen. Ulrike S. H. Reinecker.

(Alle drei erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht - im normalen Buchhandel oder auch über Amazon erhältlich)

 

Ich heiße Euch herzlich willkommen am "Sorgentelefon". Die Telefonnummer und die Telefonzeiten findet ihr hier auf der zwaenge.at  im linken Seitenbalken

 

 

 
22.Brief Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

Liebe Besucher der Seite, liebe  Betroffene!

 

Heute schreibe ich Euch zum Jahreswechsel. Ich muß aber gleich innehalten und etwas sagen:

Was den Übergang zum neuen Jahr betrifft, wollen wir den Zwang gar nicht erst mitmischen lassen. Das könnte ihm gerade so passen!

"Achte darauf,"  so möchte er gerne warnen, "daß am 31.12. um 24 Uhr alles in Ordnung ist! Sonst könnte das Auswirkungen auf das neue Jahr haben. Mach die letzten Rituale im verbleibenden alten Jahr 100%ig korrekt, das ist wichtig für das neue Jahr!"   So könnte der Zwang quatschen.

Wenn Sie zum Jahreswechsel auf diese Weise zwanghaft geplagt werden, dann möchte ich folgendes vorschlagen:

Stellen Sie sich die Jahre wie ein Endlosband vor, ohne Einschnitte, ohne Grenzziehungen. Im Sinne der Zwangsbefürchtungen sollen Sie mit alll den Jahren auf diese Weise umgehen. Denn was der Zwang befürchten läßt, das ist irreal, ohne Bedeutung, ein Krankheitssymptom, nichts, was Sie zu befürchten hätten. Es ist wie magisches Denken, wie überzogener Aberglaube, wenn Sie meinen, zum Jahresende, kurz vor MItternacht müßten Sie noch "ganz perfekte Rituale"zusammenbringen. Sie dürften mit Silvester so umgehen: Sie feiern, genießen das Feuerwerk und nettes Beisammensein, oder Sie schlafen getrost ins neue Jahr hinein, ohne all dem begleitenden Rummel. Rituale und Zwangsbefürchtungen haben dabei gar keinen Platz. 

Mein Lieblingshilfsgedanke während der Therapie war: "Es ist nichts, was ich zu befürchten habe."

Ich wünsche Euch Fortschritte in der Therapie, wenn ihr noch Hilfe braucht. Ich wünsche Euch Mut zur Therapie, wenn Ihr Hilfe sucht. Und ein wenig "am Ball bleiben", wenn Ihr die Krankheit schon überwunden habt.

 

Was das Sorgentelefon betrifft, so möchte ich Euch etwas sagen: In der Zeit vom 07.06.2006 bis zum 17.11.2009 haben sich 395 (Erst)anrufer und unzählige wiederholte Anrufer "getraut", Hilfe beim Sorgentelefon zu holen. Ich habe bis jetzt so viel Erleichterung erleben dürfen bei all den Anrufern, die ihre Scheu überwunden haben und auf diese Weise Rat und Hilfe gesucht haben.

Also traut Euch, seit versichtert, ich weiß was Zwangserkrankung bedeutet. Absolute Anonymität für die Anrufer ist Selbstverständlichkeit.

Liebe Grüße

Eure Ulrike S.

 

 

Autorin der Bücher:

Der Weg aus der Zwangserkrankung"

"Hilfreiche Briefe an Zwangskranke"

"ABC für Zwangskranke"

Tipps einer ehemals Betroffenen.

(Alle drei erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht) - im normalen Buchhandel oder auch über Amazon erhältlich)

 

 
21. Brief Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

Liebe Betroffene,

es ist schon ein paar Wochen her, da hatte ich ein recht heiteres Erlebnis. Laßt Euch erzählen!

Es war ein wolkenloser, richtig schöner Herbstmorgen, so wie wir heuer schon viele erleben durften. Ich nehme mit also meinen Kaffee hinaus auf den Balkon, es heißt doch, das Licht am Vormittag sei ganz besonders wohltuend für die Seele. Und meine Seele braucht nach so vielen Zwangsjahren viel Wohltuendes, eben auch das Genießen einer Tasse Kaffee auf dem Balkon in der Morgensonne.

Denk'ste! Genau in dem Augenblick fänt unser perfektionistischer Nachbar an, mit seinem alten knatternden Rasenmäher die Wiese zu bearbeiten. Die letzte Mahd im Herbst! Unter zwei Stunden wird er's nie tun, das weiß ich aus Erfahrung.

"Wenn ihm nur der Mäher absterben würde!", das wünsche ich ihm von ganzem Herzen. Und siehe da, gedacht und es geschieht!

"Hoppla," denk ich mir, "jetzt bin ich aber froh, daß ich nicht an den Quatsch vom Zwang glauben muß, daß Gedanken etwas bewirken. So praktisch es auch grade für mich wäre, über diese Fähigkeit zu verfügen."Nach einer Viertel Stunde knattert er wieder! Oh je! Mein "Zauber" hat nicht gerade lange angehalten. Sollte ich vielleicht noch einen "guten Wunsch" zulegen?!

Aber jetzt im Ernst.

Laßt Ezcg nichts einreden, weder vom zwang noch von dem Gerede über Magie und die "Kraft der Gedanken". Ich mag das Buch über Zwagnsstörungen von Althaus, Niedermeier und Niescken sehr gern (Beck Verlag), da steht geschreiben:" Die Krankheislehre der Psyche betrachtet magisches Denkan als Symptom und definiert es al irrtümliche Annahme einer Person, sie könne durch Gedanken, Sprechen oder Handeln Einfluß auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen, sie verhindern oder hervorrufen." Also dann! Schluß mit den irrationalen Zwangsvorstellungen aus dem Reich der Esoterik und Magie.

Kurze hilfreiche Merksätze : Ein Gedanke kann nichts bewirken. Ich kann und darf denken, mir vorstellen, niederschreiben, was ich will, es passiert nichts. Auch nicht in unbestimmter ferner Zukunft. (Der Zwang behauptet ja manchmal, er würde bis in die Ewigkeit begleiten können und dort sein Unwesen treiben). Ein Gedanke bleibt ein Gedanke. Ich muss kein Ritual ausüben, weder in Gedanken noch als Handlungen (z.B. in Form von quälenden Wiederholungen)

 

P.S.: Hätte der Rasenmäher wirklich den ganzen schönen Vormittag geschwiegen, dann wäre er halt so richtig kaputt gewesen und der allzu sparsame Nachbar hätte sich eindlich einmal einen neuen (hoffentlich leiseren) leisten müssen. Mit meinem "frommen Wunsch" hätte das rein gar nichts zu tun gehabt!

Liebe Grüße!

Eure Ulrike S.

 

Autorin der Bücher:

Der Weg aus der Zwangserkrankung"

"Hilfreiche Briefe an Zwangskranke"

"ABC für Zwangskranke"

Tipps einer ehemals Betroffenen.

(Alle drei erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht) - im normalen Buchhandel oder auch über Amazon erhältlich)

 

Entschuldigt bitte, daß ich anschließend an die Briefe an Euch jedesmal die drei Bücher erwähne. Aber sie sind auch immer wieder der vorbereitende Weg zum Sorgentelefon.

 
20. Brief Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

 Liebe Betroffene!

Zwei Schicksale von Zwangskranken sind mir in letzter Zeit begegnet, die haben mir recht zu denken gegeben.
Das eine war das eines jungen Mannes. Er meinte, er wolle nicht Therapie machen, er habe sich "da selbst hineinmanövriert", da müsse er auch selbst weider herausfinden. Von wegen "sich selbst hineinmanövrieren"! Heißt sie doch die Zwangskrankheit, die leiden macht.
Aufgezwungene Gedanken, Vorstellungen, Bilder, Schuldgefühle, Kontrollen, Reinigungsrituale sind das, die so sehr plagen.
Eine seelische Erkrankung eben, zu mächtig in ihren Auswirkungen und Ansprüchen, als daß Betroffene selbst damit fertig werden können.
Ist doch auch in vertrauensvermittelnder Therapeutenbegleitung zunächst noch schwer, von alten Vorstellungen zu lassen - wie soll man da allein damit fertig werden!
Eine Geldtasche mag einem an Waschzwang Erkrankten wie ein ekeliges Ungeheuer vorkommen, bis er oder sie durch geduldige Unterstützung neue Einstellung dazu bekommt.

Und damit komme ich zur zweiten Begegnung. Das war ein älterer Herr, der nach ein paar Therapiesitzungen damit ungehen können sollte, allein und daheim, daß solch eine Geldtasche im Grunde genommen harmlos ist. Er hat die Übungen nicht geschafft, die Angst war zu groß. Ich kann das verstehen aus eigener Erfahrung. In meinem Fall war der Therapeut eben bereit, aus dem zunächst zu schweren ganzen Schritt einen halben vorzuschlagen. Zum Beispiel, die Übung in der Praxis zu machen und mit genauen Hilfestellungen - ganz im Detail, die enorme Unsicherheit verlangt das - wie verhalte ich mich zu Hause, wenn ich solch eine Übung zu wiederholen versuche. Wie schauen die Folgehandlungen aus nach der Berührung einer solchen Geldtasche? Da kann jede darauffolgende Handlung zunächst eine große Herausforderung sein.
Meine Therapie hat zwei Jahre gedauert. Da war genug Zeit für halbe Schritte und für das Eingehen auf die große Angst: "Das schaffe ich allein nicht."
Ein Drittel der Patienten schafft die Therapie nicht - so die Meldung einer Therapeutin.
Zum einen stimmt das nicht. Da halte ich mich lieber an die Ermunterung von Prof. Reinecker aus Deutschland: "Fast alle profitieren von einer Therapie." Was heißt überhaupt "Therapie schaffen?" Jedere Zwang weniger ist eine riesen Erleichterung, jede verständisvolle Unterstützung im großen Leid ist eine Hilfe.
Kann ja auch sein, daß die leidvolle Lebensgeschichte eines Betroffenen zu hinterfragen und hier zu unterstützen Priorität hat. Jede Therapie ist maßgeschneidert, auch Therapeuten und Therapeutinnen müssen wissen, worauf sie sich einlassen, wenn ein Zwangspatient Hilfe sucht. "Überlegen Sie sich, ob Sie diese Therapie machen wollen!" In solch einer Therapeutenaufforderung weht für mich ein zu scharfer Wind. Therapie muß sich entwickeln können.
Laßt Euch nicht entmutigen! Es gibt immer einen Weg und wenn es "nur" der ist, nicht mehr alleine mit dieser Belastung zu sein. Daß gute Therapie allerdings ein Weg, ist, der zu zweit gegangen werden muß, mit Anstrengungen von beiden Seiten und auch viel Ernsthaftigkeit von seiten des Erkrankten, das soll uns klar sein. Therapie bedeutet einzusehen: "Wie sinnvoll ist das, was ich jetzt lerne und auf mich nehme. Schwer zwar, aber, drauf vertraue ich, ungeheuer sinnvoll! Lassen Sie sich "hinüberziehen" vom Theraputen, von der Therapeutin, und ziehen Sie fleißig mit!!

Liebe Grüße, ich bin am Telefon für Euch da!

Eure Ulrike S.

 

 

Bücher:

"Der Weg aus der Zwangserkrankung"

"Hilfreiche Briefe an Zwangskranke"

"ABC für Zwangskranke"

Tipps einer ehemals Betroffenen.

(Alle drei erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht) - im normalen Buchhandeloder auch über Amazon erhältlich)




An dieser Stelle möchte ich Theresa von der www.zwaenge.at  und auch ihrem Mann Josef sehr danken, daß die beiden diese Seite eingerichtet haben. ich kann beobachten, daß sie viel Gutes dabei bewirken.

Vielen Dank Theresa und Josef!

 
Brief/19 zum Jahreswechsel Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

Liebe Betroffene,

das neue Jahr steht vor der Tür. Ich könnte auch sagen, der Jahreswechsel steht vor der Tür. Zwanghafte mögen durch beide Formulierungen geplagt werden. Zwangshafte scheuen oft das Neue. Das Althergebrachte, das Gewohnte gibt mir Sicherheit, meinen sie und ängstigen sich anläßlich des bevorstehenden neuen Jahres. Wechseln bedeutet oft Übergänge, die viele Zwanghafte nicht lieben. Den Übergang von einem Jahr zum anderen, den Übergang von einem Raum zum anderen, ein neuer Lebensabschnitt wie Ehe oder Elternschaft, all das mag Zwanghafte übermäßig verunsichern. Der Zwang zieht scharfe Grenzen. Oft müssen gefürchtete Gedanken, die zwanghaft Unheil verkünden vermieden werden, wenn neues angegangen wird. Der Tag geht zu Ende, das scheint für manche Zwangskranke bedrohlich. Der Zwang verlangt einen "guten Abschluß" des Tages - das mag bedeuten, je nach Zwangsbefürchtung: alles soll rein sein, nichts soll kontaminiert sein, alles verlangt, kontrolliert zu werden, auch die Gedanken im Kopf. Offene Zwangsfragen müssen geklärt werden, wenn der Tag gut beendet sein soll, sonst gibt es eine unruhige Nacht. Der neue kommende Tag verlangt einen beruhigenden Abschluß der Handlungen und Gedanken am jeweiligen Abend zuvor. Deshalb kommen viele arme Zwangskranke abends so spät ins Bett. Der Zwang kennt nicht das Fließende, das Grenzenlose.

Meine Vorstellung, wie da gedanklich zu helfen wäre, ist die:

Stellen Sie Sich die 24 Stunden eines Tages, ein ganzes Jahr, den Abschnitt von einem Geburtstag zum anderen, das Durchschreiten von Räumen, all die gefürchteten Übergänge gleichsam fließend vor. Nur der Zwang setzt sinnlose Grenzen. 

Und nun komme ich wieder zum oft zwanghaft befürchteten Beenden eines Jahres und dem Neubeginn des Nächsten. Da lassen wir uns doch nicht Angst machen! Diesen Übergang kann man feiern, links liegen lassen, verschlafen, ärgerlich überstehen, weil doch der arme Hund oder Kanarienvogel so verängstigt werden von dem Krach der Raketen. Wie auch immer, Bedeutung vom Zwang her gibt es keine.

Stellen Sie Sich das Jahr vor wie das Laufrad, mit dem man Goldhamster, Mäuse oder Ratten bewegt. Das ist wie ein Endlosband, ohne Unterbrechungen, ohne Ab- und Einschnitte. Irgendwann springen die Tierchen herunter, beenden also die Rennerei, werden halt rasten oder Wasser trinken wollen. Das ist sinnvoll und verständlich. Das Beenden, Grenzenziehen, das Einteilen in Zeitabschnitte und Räumlichkeiten, soll nicht vom Zwang diktiert werden.

"Das wußten Sie selber", sagen Sie. "Aber wie damit umgehen?

Unangenehme Gefühle zulassen, Gefühle der Angst und Anspannung zulassen. Die dürfen sein! Aber sich klar machen, woher diese Gefühle kommen. Nämlich "nur" vom Zwang. Also müssen Sie nichts dagegen unternehmen. Auch nicht, wenn die Zwangsangst so ausgeprägt ist, daß Ihnen die Befürchtung geradezu real, also wirklich vorkommt. Dann sind Sie im Moment leider sehr zwanghaft, aber passieren tut trotzdem nichts.

"Es ist nichts, was ich zu befürchten habe," dieser Satz hat mir oft über die Runden geholfen.

Und jetzt wünsche ich Ihnen eine gute kommende Zeit!

Viele liebe Grüße

Ihre "Ulrike S."

 

Autorin der Bücher:

"Der Weg aus der Zwangserkrankung"

"Hilfreiche Briefe an Zwangskranke"

"ABC für Zwangskranke"

Tipps einer ehemals Betroffenen.

(Alle drei erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht)

 

 

 
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"Ulrike S." ist bei Bedarf gern für Dich erreichbar:

jeweils Montag bis Freitag von 10:00 bis 11:00 bzw. von 18:00 bis 20:00

unter der Nummer:

0 650 7537103 

Sie war selbst stark von der Zwangskrankheit betroffen und anschließend an Ihre Therapie als Co-Therapeutin tätig.

Ebenfalls hat sie hilfreiche Bücher darüber geschrieben.

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