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Ulrike S.
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Geschrieben von Ulrike S.   

Liebe Besucher der www.zwaenge.at!

Kürzlich habe ich über diese Seite von einem mir bisher unbekannten Krankheitsbild erfahren. Hiebei handelt es sich nicht um eine Zwangserkrankung. Aber ich schreibe drüber, weil der junge Mann sich auf Theresas Seite nach Hilfe umgesehen hat. Der Betroffene leidet unter "Paruresis". Das hatte er nach mühevoller Suche selbst herausgefunden. Er hat mir erklärt, welches Leiden hinter diesem Begriff steckt:

Paruresis wird derzeit zu den sozialen Ängsten/Phobien (einer speziellen Form der Angststörung) gerechnet und jetzt zitiere ich aus einem Buch, das ich Euch noch nennen werde:

"Damit müssen bestimmerte Kriterien erfüllt sein, damit die Diagnose gerechtfertigt erscheint. So müssen die Ängste bzw. der Stress, der beim Besuch einer öffetntlichen Toilette erlebt wird, ausgeprägt und anhaltend sein.Der Betroffene muß erkennen, dass die Furcht übertrieben ist....."

Ich zitiere jetzt nicht weiter, sondern berichte, was der Betroffene mit erzählt hat.

Er hatte sich ganz einfach so ausgedrückt:

"Ich habe Angst beim Pinkeln. Ich kann in Gegenwart anderer, vor allem in öffentlichen Toiletten, nicht urinieren. An ganz schlechten Tagen habe ich sogar zu Hause Schwierigkeiten, wenn ich nicht ganz ungestört bin. Im besten Falle benütze ich die Toilette daheim, wenn gar niemand in der Wohnung ist. Jede Form von Druck, dem ich mich ausgesetzt fühle, erschwert die Situation. Ich kann Zeitdruck beim Urinieren nicht ertragen, niemand darf warten, bis die von mir benützte Toilette frei ist. Niemand soll mich beim Urinieren hören. Mein Leben wird durch diesen Anspruch meiner Erkrankung immer eingeengter. Ich kann den Mut nicht finden, mich anderen Menschen anzuvertrauen. Wenn jemand von meinem Leiden erfährt, wird er mich für verrückt halten!"

 

Was mir seinerzeit der zwanghafte Ekel vor den Ausscheidungen anderer den Besuch fremder Toiletten immer mehr unmöglich gemacht hatte, das ist in diesem Fall die Anwesenheit anderer.

Die Konsequenz scheint mir die Gleiche:

Der Aktionsradius rund um die heimatliche Toilette wird immer kleiner. Aktivitäten werden oft von der Dauer der Abwesenheit von daheim bestimmt. Angst ist dabei, Schamgefühle und eine große Einschränkung im täglichen Leben.

Bei meinem Kontakt mit dem Hilfesuchenden wußte ich nicht, wer für solch eine Therapie spezialisiert ist. Eine Therapeutin hat den jungen Mann bei der Suche unterstützt.

Der Betroffene hat sich bald wieder bei mir gemeldet und war riesig erleichtert, nach Jahren des Leidens, der Besuche bei Urologen und Nichtkompetenten eine sehr hilfreiche Therapeutin gefunden zu haben.

Der Betfroffene hat sich seinerzeit in einem Buch Hilfe geholt, um überhaupt einmal erkennen zu können, woran er leidet. Dieses Buch, so sagt er, soll ich Hilfesuchenden weiterempfehlen. Er habe etliche einschlägige Bücher zu Hause, dieses halte er für das Beste:

Philipp Hammelstein   -   Lass es laufen!   -   Ein Leitfaden zur Überwindung der Paruresis   -   erschienen im Papst Verlag.

 

P.S: Zum Trost: Die Betroffenen sind, wie sie oft fürchten, nicht "die einzigen auf der ganzen Welt", die an dieser Krankheit leiden.Das Buch gibt an, daß es in Deutschland wahrscheinlich mehr als 1 Million Männer und eine halbe Million Frauen mit diesem Krankheitsbild gibt.

 

Viele liebe Grüße

Eure Ulrike S.

 

 
erhaltene Buchkritik Drucken E-Mail
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Geschrieben von Theresa   

Ich wurde von Anonymus gebeten, folgenden Text zu veröffentlichen, was ich hiermit gerne tun möchte.

Lieber Anonymus, danke für den Beitrag - Theresa

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Ich möchte Ihnen mitteilen, wie einschneidend die Bücher von Ulrike S. auf mich, als ebenfalls von der Zwangskrankheit Betroffene, gewirkt haben und noch wirken.

Ich habe die Bücher "verschlungen", konnte ich mich doch darin in vielen Einzelheiten wiedererkennen. Es war für mich so, als würden viele einzelne Puzzleteile, die ich vorher nicht zuordnen konnte, zu einem Gesamtbild zusammenfallen. Dieses Gesamtbild ist die Zwangskrankheit, von der ich nun weiß, daß es eine Krankheit ist, die ich mit vielen teile und für die es Hilfe gibt. Frau Ulrike S. gibt dabei mit ihrem Beispiel viel Anlass zu Hoffnung. Kaum zu glauben, aber wahr: Seit der Lektüre ihrer Bücher haben sich meine Zwangssymptome stark reduziert, vieles hat seinen Schrecken verloren. 

So möchte ich zum Schluß herausstellen, was meiner Meinung nach die Bücher von Ulrike S. von anderer "Zwangsliteratur" (die ich gelesen habe) deutlich unterscheidet:                                                                          

Ulrike S. schreibt als Betroffene und ehemalige Cotherapeutin aus tiefer, vielschichtiger Erfahrung heraus. Sie schreibt mit großem Mitgefühl, mit Herzenswärme, Humor, Leichtigkeit und nicht zuletzt mit einem Schuß "österreichischem" Charme. Dies alles nimmt der grauhaften Krankheit ihren Stachel und schenkt ein großes Maß an Zuversicht auf ein besseres Leben. ich wünsche mir, daß diese Bücher noch oft aufgelegt werden und somit weiterhin zugänglich sind für viele Betroffene, die Hilfe suchen. 

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Brief 15/2007 Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

Liebe Betroffene,                                                                                                 

bald ist Weihnachten. Viele Kinder freuen sich drauf. Viele von denen, die unter der Zwangserkrankung leiden, schrecken sich davor.
Ich selbst habe während der Erkrankung immer mühsamer versucht, mir den Weihnachtsabend, diese paar Stunden vom Dunkelwerden bis zum Erlöschen der letzten Kerzen am Christbaum, zwangsfrei zu schaufeln. Das ging natürlich nicht, der Zwang ist ein getreuer Begleiter, besonders dann, wenn er ganz fehl am Platz ist. Man möchte sich freuen, ein bißl genießen, andere beschenken, das mißfällt dem Zwang.
Bei mir war derjenige Tannenbaum gefragt, der fein und rein war, also frei von zwanghaft Ekeligem.
Da war der Baumkauf schon eine äußerst heikle Angelegenheit.-.Gut waren Weihnachten, an denen es noch nicht so kalt und der Gartenschlauch einsetzbar war. „Der Baum braucht Wasser“,
war die Begründung, weil unsereiner nie um Ausreden und fantasiereiche Notlügen verlegen ist, das ist Überlebensstrategie gegen lästige Fragen gegenüber Leuten, die nichts von unsrer Not wissen und verstehen. . „Ich brauche einen Baum, frei von all dem, was den anderen, den fremden, unsauberen, anzuzweifelnden Menschen ausmacht,“ so hätte ich wahrheitsgetreu erklären müssen.
Jetzt sage ich Euch, weshalb ich Euch heute wieder einmal gerne schreibe.
Ich betreue doch seit  Anfang 2005 die Hotline der österreichischen Internetseite der zwaenge.at. Zwangspatienten oder deren Angehörige, helfende Freunde oder Bekannte können hier anrufen und ganz einfach mit mir, einer ehemals arg Betroffenen und jetzt Gesunden reden. Manchmal rufen zunächst mitbetroffene Ratsuchende an und ebnen auf diese Weise den Weg für den eigentlich Erkrankten. Und hier möchte ich einhaken:
Ich muß ganz fest an meine eigene kranke Zeit zurückdenken, um zu verstehen, weshalb das Anrufen nicht leicht fällt. Abgesehen davon, daß der Zwang auch beim Telefonieren fest mitmischen kann: „Ist der Hörer oder das Handy kontaminiert?“, fragt der Zwang. Oder: „Wenn Du anrufst, dann passiert etwas, dann machst Du Dich schuldig!“ oder „In der Hotline-Telefonnummer ist eine Zahl, die mag der Zwang nicht!“ oder „Heute darfst Du nicht anrufen, heute ist ein schlechter Tag dafür.“ Usw., usw. .......
Dann gibt es schon realere Befürchtungen, die das Hilfeholen am Telefon behindern:
„Ich habe nicht gewußt, daß die Frau am anderen Ende der Leitung so freundlich ist.“
„Ich habe nicht gewußt, ob ich verstanden werde.“
„Ich hatte Hemmungen, über meine Zwänge zu sprechen. Solche verrückte, peinliche, unverständliche Gedanken hat doch sonst niemand auf der ganzen Welt.“
„Ich kann überhaupt schwer über mich reden.“
„Ich habe Angst, über meine Zwänge zu sprechen. Dadurch rühre ich die ganze Angelegenheit erst recht wieder auf. Lieber nicht drüber reden.“
„Ich habe Angst, daß mir etwas eingeredet wird. Daß es mir nach dem Anruf schlechter als vorher geht.“
Also, was die zuletzt aufgezählte Befürchtung betrifft, so darf ich wirklich sagen: So viele erleichterte Anrufer! Ich bedanke mich hier wieder einmal bei Theresa, der webmasterin dieser Seite, die mir überhaupt erst die Möglichkeit gegeben hat, mit Betroffenen in diesem Ausmaß zu sprechen. Die auch sorgfältig und mit Bedacht eine Therapeutenliste zusammengestellt hat. (Diese Liste erweitere ich persönlich in meinen Aufzeichnungen, wenn ich positive Rückmeldungen von zufriedenen Patienten bekomme. Wenn Ihr mir helfen wollt, dann bin ich für Adressen von guten Therapeuten und Therapeutinnen, spezialisiert für die Therapie von Zwangskranken, sehr dankbar.) Ich habe schon so viel Schönes erlebt durch diese Anrufe. Und so viele Betroffene habe ich auf diesem Weg kennengelernt, trotz der Schwierigkeiten, die der Entschluß zu solch einem Anruf zunächst bereiteten mag.
Die Anrufe sind absolut anonym, natürlich kostenfrei (außer den normalen Telefongebühren). Ich frage nur um einen Vornamen, der natürlich auch ein Fantasievorname sein kann. Er dient nur dazu, daß ich die Anrufer irgendwie anreden kann.
Gradeso, wie ich halt die Ulrike S. oder die Frau Ulrike bin. (27 Jahre zwangskrank, zwei Jahre Therapie, mehr als 12 Jahre Kotherapie und immer noch nicht müde, sondern „einschlägig tätig“. Mein Wirkungsfeld hat sich nach der Kotherapie verändert, ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich bewirken kann und daß ich jetzt noch viel mehr Erkrankte erreichen kann als früher in der Kotherapie).
„Warum engagieren Sie sich so, bin ich einmal gefragt worden?“
Weil mir das ein Bedürfnis ist, weil ich es gern tue. Einfach deshalb.
Also, Weihnachten steht vor der Tür, für viele (nicht nur für Zwangskranke) kann das eine besonders schwierige Zeit sein. So viele Menschen scheinen froh und unbelastet, emsig Geschenke kaufend und sorgenfrei zu sein. Die Frauen backen Kekse und wissen nicht, wie umständlich und schwierig das für zwangskranke Hausfrauen sein kann. Geschenke werden eingepackt, ohne zu ahnen, was Geschenkpapier für Hürden bereiten kann, wenn man den Zwang zufrieden stellen muß. Wieviel „Bedeutung“ kann der Zwang in Geschenke legen. Da kann „unsereinem“ schon die Lust an diesen Vorbereitungen vergehen.
Ehe ich das Wichtigste vergesse: ES GIBT HILFE, es gibt gute Therapeuten.
Ich habe es schon einmal auf diesem Weg erwähnt. Ich biete den Montag an von 10 Uhr bis 11 Uhr. Und den Mittwoch von 18 Uhr bis 20 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten ist Anrufen auch möglich, kann sein, daß ich dann im Moment grade nicht kann, aber dann können wir eine für beide mögliche Zeit ausmachen.
Ich lerne übrigens gerade hier in Innsbruck von neuen Therapieansetzen bei an Gedankenzwängen Erkrankten.
Am 9. Dezember dieses Jahres fuhr ich nach Zürich, zur Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangserkrankungen, um zu lernen. Ein workshop über die „Achtsamkeitsbasierte Therapie bei Zwangsstörungen“ hat es mir angetan. Außerdem freute ich mich auf Kontakte dort, auf die Fahrt und auf den Züricher Chrsitkindlmarkt.  Wenn ich bedenke, daß ich in der Zeit meiner Erkrankung kaum mehr aus dem Haus gekommen bin, dann genieße ich mein jetziges Leben wieder umso mehr. Das sage ich, um Euch wieder einmal besonders Mut zuzusprechen.

Frohe Weihnachten und viele liebe Grüße

Eure Ulrike S.

Bücher: Ulrike S.: Der Weg aus der Zwangserkrankung.
                               Hilfreiche Briefe an Zwangskranke.
                               ABC für Zwangserkrankte. Tipps einer ehemals Betroffenen.
Alle drei: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/Göttingen

 
Brief 13/2007 Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   
13. Brief einer ehemals Betroffenen an Nochbetroffene

Ihr seid doch nicht abergläubisch, nicht wahr, weil dies mein 13. Brief an Euch ist?!
Oder gar zwanghaft abergläubisch, so daß Ihr lieber gar nicht lesen möchtet, was ich Euch heute schreiben möchte?
„Ach, die Dreizehn, die macht mir nichts,“ so habe ich es schon gehört, „die 4, (3,18 77....), die mag ich nicht, vor diesen Zahlen warnt mich der Zwang.“ Meine „Glückszahl“ war die sechs. Mit sechs Wiederholungen habe ich unsere fünfköpfige Familie vor Unglück bewahrt.
Fünf Wiederholungen für jedes Familienmitglied und noch eine dazu, „zur Sicherheit“.
Sie werden in einer Therapie lernen, daß das alles Quatsch ist und Zahlen oder auch Zahlenkombinationen nur den Zwang interessieren. (Es gibt ja auch kein „gutes“Weiß und „böses“ Schwarz. Links und rechts und oben und unten und hell und dunkel dienen nur der Orientierung, da braucht man sich vom Zwang nicht Angst machen zu lassen.)
Den heutigen Hilfestellungen bei ganz speziellen Zwangsgedanken möchte ich etwas voranstellen:
Ich habe eine Buchbesprechung vom dritten Büchlein - dem „ABC für Zwangskranke – Tipps einer ehemals Betroffenen“ – zugeschickt bekommen. Da steht unter dem Begriff „Aushalten“ geschrieben: „Aushalten“, - damit spricht Ulrike S. die Ängste und unangenehmen Gefühle an, die den Erkrankten überschwemmen, wenn er das vom Zwang gebotene Ritual unterlässt und die er schlicht und einfach durchstehen muß.“
Oh weh, schlicht und einfach, das sind nicht meine Worte! Ungeheurer Kraftaufwand, Schweiß, Ausdauer, Vertrauen und ein Ziel sind es, die das Aushalten oft überstehen lassen.
Ich getraue mich fast nicht, Euch zu gestehen, daß ich zu Anfang der Therapie fast wieder die Sicherheit innerhalb des Zwangsverhaltens herbeigewünscht hatte, so verunsichert war ich.
Also nix von „schlicht und einfach“ – aber doch war die Therapie letztendlich der „Coup meines Lebens“.
Aushalten ist therapeutengestützt und das ist mit ein wichtiger Grund, weshalb es
funktioniert, das sei Euch zur Ermunterung gesagt.
Jetzt zum Thema von heute:
Der Zwang kann überall seine Nase hineinstecken, der hat vor nichts Respekt. Auch nicht vor erfreulichen zwischenmenschlichen Gefühlen. Das mag er schon gar nicht, daß jemand sich freut und wohl fühlt. Wie oft ist mir nun schon diese Klage von Betroffenen begegnet und ich selbst habe es auch erleben müssen, weil mir der Zwang in meinen 27 Jahren Krankheit eine sehr breite Palette dargeboten hat.
„Ich liebe doch meinen Partner, meine Partnerin, (Ehemann, Freund, .........), aber in letzter Zeit zweifle ich immer mehr an meinen Gefühlen“, so klagen Betroffene.
„Wie sehr liebst Du ihn eigentlich wirklich?“, so fragt der Zwang und stiftet Unsicherheit. „Brauchst Du ihn wirklich?“
Du sagst, du liebst ihn und brauchst ihn. Sind Deine Gefühle zu ihm, zu ihr ausreichend? Könnten sie nicht intensiver und gleichbleibender sein. Hast du ihn nicht früher mehr gemocht?“

Wenn ich Euch schreibe, dann sollen meine Hilfestellungen immer nur therapiebegleitend sein oder eine Auffrischung nach Beendigung einer Therapie. Zwängetherapie gelingt nicht allein ohne fachmännische Hilfe.

- Was ich jetzt habe, das ist ein Zwangsgedanke. Wenn ich dran zweifle, ob es wirklich ein Zwangsgedanke ist, dann ist es ein Zwangsgedanke. Es gibt nicht „ein bißl Zwangsgedanke“ oder „Es könnte doch etwas wahres dran sein“. Wenn ein Zwangsgedanke sehr heftig ist und sie lange verfolgt, dann bedeutet das nicht, daß vielleicht doch was dran ist. Es bedeutet „nur“, daß Sie zurzeit recht unterm Zwang leiden.
- Erkennen: Es ist doch immer das gleiche Thema, das mich so verunsichert und leiden läßt.
- Der Gedanke ist unangenehm, lästig, angsteinflößend, aber es ist ein Gedanke, der „nur“ von meiner Zwangserkrankung kommt. In Wirklichkeit ist er bedeutungslos.
- Für einen Zwangsgedanken brauche ich mich nicht zu schämen, ich brauche mich nicht schuldig zu fühlen. Ich muß mich nicht rechtfertigen „Aber ich liebe ihn oder sie oder Vater, Mutter, Eltern....doch!“ Seien Sie nett zu sich selbst, bezeichnen Sie sich nicht als verrückt und dumm, weil Sie von aufgezwungenen Gedanken geplagt werden.
- Ich muß nichts tun. Ich muß nicht nachfragen, Beweise für meine Zuneigung suchen, telefonieren, um zu sagen „Ich liebe Dich“ .(Die „Geliebten“ freuen sich meist nicht mehr über solche Anrufe! Angehörige sollten allgemein auch therapeutisch unterstützt werden.)
- Ich muß nicht grübeln und die Gefühle der vergangenen Stunden, Tage ........... durchforsten. Vielleicht hilft es schon, wenn Sie die typische „Grübelhaltung“ aufgeben, sich mit einem hilfreichen Gedanken aus der Therapie auch körperlich aufrichten, sich anderem zuwenden und das tun, was Sie eigentlich tun möchten. Der Zwangsgedanke darf ruhig „nebenher“ laufen.
- Den Gedanken zulassen (ganz wichtig), nicht wegdrängen, etwas nicht denken dürfen bewirkt das Gegenteil.
-.Lernen, nicht mehr darüber zu erschrecken.
- Lernen, auch mal drauf gefaßt zu sein: „Aha, das ist eine Situation, da möchte der Zwang gern mitmischen.“ Vielleicht sind Sie müde, „die Tage“ stehen vor der Tür, Sie sind gestreßt, jemand hat Sie arg gekränkt, etwas ist schiefgegangen. Oder gar: Sie freuen sich auf ein Wiedersehen, auf einen Urlaub, auf Weihnachten. Gefaßt drauf sein, daß der Zwang ein Spaßverderber ist und sich melden könnte.
- Es gibt auch eine andere Situation: Sie sind momentan gar nicht zwanghaft, Sie haben eine gute Zeit. Da könnte sich der Zwang auf diese Weise melden: „Mir scheint, jetzt ist Dir die Beziehung wurscht, Du machst Dir gar keine Gedanken mehr.“ Genießen Sie den Zustand, Sie sind auf einem guten Weg, die Zwänge hinter sich zu lassen!
- Verlangen Sie nicht, daß Gefühle immer gleich sind. Das gibt es nicht. Außerdem: Zwang und Depression – wer hat da nicht Probleme mit dem Gefühlsleben und der Wärme in sich.
- Verlangen Sie nicht, daß alles, was Sie denken, auch stimmen muß. Auch das gibt es nicht, das ist ein grober Fehlschluß. Wieviel Quatsch geht doch allen Menschen im Lauf eines Tages durch den Kopf. Das Problem ist die Bewertung!
- Halten Sie die beiden auseinander: Das eine ist der Mensch aus Fleisch und Blut, zu dem Sie liebevolle Gefühle haben oder auch „eigentlich“ haben. Das andere ist Ihr Zwangsgedanke, der Ihnen Angst macht. Ihr Problem ist nicht die Beziehung, sondern die Angst vor den aufdringlichen Gedanken.
- Beobachten Sie mal, daß der Zwang doch immer mit den gleichen Formulierungen arbeitet: „Und wenn er dann sagt,......“ „Aha“, sagt er „liebst ihn also doch nicht.“ „Ich habe Angst, daß......“ „Ich fürchte, daß ............“

- Nicht denken: „Gott sei Dank, jetzt hab` ich grade keinen Zwangsgedanken, hoffentlich kommt keiner.“ Besser so: „Super, keine Zwangsgedanken. Mir scheint, es geht aufwärts. Wenn einer kommt, dann bringt er mich nicht in Panik – ich bin auf dem besten Weg zu lernen, damit umzugehen.

Es grüßt Euch recht herzlich!
Ulrike S.

An zwei Tagen in der Woche könnt Ihr gerne mit mir telefonieren. Am Montag von 10 bis 11 Uhr und am Mittwoch von 18 bis 20 Uhr. Falls für jemanden diese Zeiten ganz ungeeignet zum Telefonieren sind: Ich habe das Handy fast immer eingeschaltet. Also könnten wir auch mal zwischendurch in Kontakt miteinander treten und eine Telefonzeit außerhalb der zwei angebotenen Termine ausmachen.
Bitte, geduldig sein, weil ich das Handy nicht immer bei mir habe.

Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkrankung.“(Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker)
„Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“ (Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker)
ABC für Zwangserkrankte“. (Tipps einer ehemals Betroffenen.  Ulrike S., H. Reinecker)

 
Brief 12/2007 Drucken E-Mail
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Geschrieben von Ulrike S.   

Brief einer ehemals Betroffenen an ihre Leidensgefährten im Februar 2007



Liebe Betroffene!


Kürzlich habe ich mit einer jungen Frau gesprochen, die arg vom Zwang geplagt wird. Schon mehrmals hatte sie sich über das Telefon Rat und Trost geholt. Ich denke, es war einfach gut für sie, mit jemandem zu sprechen, der sie versteht. Ich habe selbst heftig und lange unter Zwängen gelitten, und mir ist durch die Kotherapie viel begegnet, das Nichteingeweihten absolut unverständlich ist.
Diese junge Frau also hat berichtet und sich richtig gefreut, dass ich sie verstehen konnte. „Nein, dass Sie das so sehen, das finde ich prima!“ Kein Wunder, der Zwang hatte mich ja ausgiebig lange begleitet und immer wieder einmal das Thema gewechselt. Und wenn mir bei einem Anruf ein mir bisher noch nicht untergekommener Zwang begegnet, dann bringt es mich nicht zum Staunen, einen Menschen drunter so leiden zu sehen. Die Angst und die damit verbundenen Lebenseinschränkungen sind es doch, die ihm oder ihr so zu schaffen machen.
Nun aber zurück zur jungen Frau am Telefon. Sie fragt mich also nach meiner Biographie und
was mich da zwangsweise gequält hat. Sie fragt nach Literatur, die ihr helfen könnte. Da spiele ich dann nicht die allzu Bescheidene und rede von „meinen Dreien“ und auch von anderen Büchern für Zwangskranke. Nach meiner Therapie fragt sie mich, wie lange sie gedauert hat und auch nach Medikamenten, die mir geholfen haben. Wohl in der Hoffnung, wenn sie die gleichen wie ich nähme, dann wäre das auch gut für sie. (Übrigens, nicht jeder Zwangspatient braucht Medikamente.)
„Haben Sie Angst davor, sich in Therapie zu begeben,“ frage ich sie, weil sie die Möglichkeit einer therapeutischen Hilfe für sich selbst nicht anspricht. Eher scheint sie sich bei ihren Fragen um diese Möglichkeit herumzuwinden. Und ich habe es wohl erraten. „Ja, eigentlich schon,“ meint sie.
Ich habe auch Angst vor dem Unbekannten in einer Therapie gehabt, aber ich habe auch sehnsüchtig auf Hilfe durch eine Therapie gewartet.
Wieviel Angst müssen wir doch aushalten, ohne in Behandlung zu sein. Sinnlose Angst, wie sich dann zum Glück durch die Therapie immer deutlicher herausstellt. Es ist eine Angst ohne Aussicht auf längerfristigen Frieden nach einem Ritual, (so heißt das Reinigen, Waschen, Kontrollieren, Nachfragen, das „Wiedergutmachen“ wegen der ewigen Schuldgefühle)...... zu dem der Zwang drängt. Sich zu einem Erstgespräch anzumelden, das verpflichtet Sie zu nichts. Das dient lediglich dazu, daß Sie erzählen können, was Ihnen auf dem Herzen liegt. Ich weiß, dass auch das Erzählen für manche schwer scheinen mag. Aber, so habe ich der jungen Frau gesagt, es kann schon dieser erste Schritt zu solch einer Erleichterung verhelfen, die man sich vorher, in der Erwartungsangst, gar nicht vorstellen kann. Erleben muß man das!
Noch ein Anruf war da, von dem zu erzählen Euch helfen könnte. Also, dieser Anrufer war etwas ungeduldig. Nicht mit mir, sondern mit seinem Therapeuten. Bei ihm zu Hause herrsche Notstand an allen Ecken und Enden, klagt er. Der Zwang sei ihm trotz aller Abwehrmaßnahmen durch die Wohnungstüre von draußen hereingeschlüpft. Zwei Therapiestunden habe er schon hinter sich und „noch immer“ würde dort „nur“ von Familie und Lebensumständen und der Art der Zwänge gesprochen.
„Haben Sie noch etwas Geduld“, sage ich ihm, weil ich das auch so erlebt habe. (Wenn der Therapeut doch endlich einmal damit anfangen würde, mir bei den Zwängen zu helfen“, so hatte ich innerlich geseufzt.)
„Erst muß der Therapeut Sie selbst, Ihr Umfeld, Ihr Aufwachsen, die Art Ihrer Zwänge usw. kennen lernen. Und auch Sie müssen Ihren Therapeuten kennen und ihm vertrauen lernen. Aus seinen Fragestellungen und seinem Einfühlungsvermögen erkennen, daß er Ihr guter Helfer sein wird. Dann erst kann die gezielte Hilfe bezüglich Ihrer Zwanghaftigkeit beginnen.“
Übrigens, ich habe auch schon davon gehört, daß sich manche Anrufer recht schwer tun, hier bei mir anzurufen.  Auch dieser Schritt kann für so manche Überwindung bedeuten. Das tut mir leid, das müßte wirklich nicht sein. Ich gehöre doch auch zu denen, die niemals erstaunt reagieren, wenn sie von Zwängen hören. Ich möchte nur eine geduldige Zuhörerin sein, Trost geben und natürlich von Hilfsmöglichkeiten sprechen. Ja, ich weiß schon, daß das Gespräch über die Hilfsmöglichkeiten bei Zwangskranken auch eines ist, das manche fürchten. Glauben Sie mir, ein Leben ohne Zwänge beziehungsweise ein zwangsarmes Leben ist einfach gewaltig fein! (Auch wenn das Leben ohne Zwänge noch allerhand Schwieriges zu bieten haben mag, so bleibt doch viel mehr Kraft dafür übrig, die „ganz normalen“ Probleme und Herausforderungen des Lebens anzugehen.)
Könnte es sein, daß es der Zwang ist, der manchen das Anrufen nicht gestattet? Weil der Hörer verschmutzt ist? Weil Sie Angst haben, sich nicht verständlich genug auszudrücken oder weil Sie Sorge haben, Sie könnten nach dem Anruf Zweifel über das Gespräch bekommen? Oder, weil Sie Schuldgefühle haben, über Ihre Nöte gesprochen zu haben?
Lassen Sie sich vom Zwang nicht die Hilfesuche nehmen!

So, liebe Betroffene, das wäre es für heute.
Ich grüße Euch recht herzlich!
Eure Ulrike S.

Bücher: Ulrike S./ G. Crombach, H. Reinecker:
„Der Weg aus der Zwangserkrankung“ Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgefährten.
und „Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“

Ulrike S., H. Reinecker :
„ABC für Zwangserkrankte“
Tipps einer ehemals Betroffenen.
Alle drei beim Verlag Vandenhoek & Ruprecht 

 
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0 650 7537103 

Sie war selbst stark von der Zwangskrankheit betroffen und anschließend an Ihre Therapie als Co-Therapeutin tätig.

Ebenfalls hat sie hilfreiche Bücher darüber geschrieben.

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