8. Brief von Ulrike S.

Liebe Betroffene!
Weihnachten ist vorbei, jetzt ist die „lustige Zeit“ angesagt, der Fasching. Unsereins ist oft nicht zum Spaßen zumute, das weiß ich noch allzugut. 
Aber vielleicht kann ich Euch etwas von meinem Zwergkaninchen erzählen. 
Bitte seien Sie nicht erstaunt. Vielleicht denken Sie ja, das hat hier wirklich nichts zu suchen. Vielleicht doch! Wir werden sehen! 
Ich habe an dem kleinen Burschen so einiges beobachtet – das hat mich an Therapie, 
Ängstlichkeit und Mut erinnert. Es kommen dabei Begriffe vor wie: 
sich verkriechen, Mut, Geduld, Verzögerungstaktik, Freiheit, Ermunterung, Vertrauen, 
Flexibilität, Neugier und das Genießen vor. 
Nun hören Sie also: 
Sie wissen ja – der Zwang nimmt ein ungeheures Vergrößerungsglas und macht aus einer Mücke einen Elefanten. Und wir armen Zwangskranken sitzen dann da wie mein 
Zwergkaninchen, dessen Hasenherz wegen jeder Kleinigkeit klopft, als wollte es zerspringen. 
Ich habe mir immer schon so einen kleinen Hasen gewünscht, aber der Waschzwang hatte nein gesagt. (So wie der Zwang sich gerne vordrängt, wenn wir uns Freude bereiten wollen, nicht wahr?) Endlich konnte ich mir einen gönnen, er war während der Therapie zusätzlich ein kleiner Helfer, weil ich ihn doch auch mit ungewaschenen Stadthänden Streichern sollte. Zum näheren Verständnis – Zwergkaninchen verabscheuen Wasser, sie wollen weder gebadet noch geduscht werden. 
Seine ersten Tage im neuen Zuhause habe ich genau beobachtet. 
,,Der Kleine hat doch ähnliche Schwierigkeiten wie ich zu Beginn der Therapie“, habe ich mir gedacht. Verkriecht sich im Ställchen und will nicht heraus, ihm fehlt der Mut dazu. 
Also setze ich mich in einiger Entfernung vom Stall auf den Boden, denn was jetzt kommt, das braucht Geduld. Der Hase darf aus dem Stall – das möchte er ja auch so gerne, aber was erwartet ihn da draußen? Er wird ganz aufgeregt, sieht das offene Türchen, und rettet sich zunächst in Alibihandlungen. Er hüpft zur Wasserflasche und trinkt ein paar Tröpfchen, obwohl er doch grade zuvor schon genug getrunken hat. Er saust zum Futtertrog, knabbert an einem Körnchen, der große Hunger ist das nicht. Das ist Verzögerungstaktik, weil ihm noch der Mut fehlt. Er macht Sprünge im Stall, als ob er schon draußen wäre. Sie juckt ihn schon mächtig, die in Aussicht stehende Freiheit, aber das Hasenherz….! Endlich hüpft er zum Türchen, setzt die Pfoten auf den Ausschlupf und lugt hinaus. Fast schon hätte er es geschafft, da reut es ihn wieder und – zurück in den Stall! 
Habe ich nicht auch in der Therapie viel Ermunterung gebraucht? „Geh komm! Sei nicht so! Komm halt! Ist doch fein da herausen! Passiert doch nichts! Komm zu mir!“ Ich locke und überrede ihn und tatsächlich – er schafft ihn, den Sprung in die Freiheit. Er scheint Vertrauen gewonnen zu haben. Jetzt kann er sogar schon etwas neues. Er hat sich ungeheuere Flexibilität angeeignet. Er springt raus in die Freiheit und dann wieder rein in den Stall, frisst nun aber wirklich, weil er Hunger hat, trinkt – und dann wieder raus. Herausen macht er Sprünge, viel weitere und kunstvollere als im Käfig, ist neugierig, ihn interessiert anscheinend alles. 
Wollen Sie es nicht auch so lernen wie der kleine Hase: Mutiger und recht freiheitsliebend, vielleicht manchmal sogar ein wenig übermütig – ohne Sorge, Ihr Maß zu überschreiten, das würde Ihnen ohnedies nicht liegen. 
Auch ein Genießer ist er geworden, der kleine Hase. Er liebt Fernsehen, leise Musik und Biokarotten. Sie brauchen nicht Karotten zu essen, aber sich wieder das Genießen zu erlauben und zu gönnen, das wäre prima. Nur eines stimmt mich bedenklich am Zwergkaninchenverhalten. Wenn ihm etwas bedrohlich erscheint, wenn er gerne in Nachbars Garten hoppeln würde und sich nicht getraut, wenn er auf der Flucht ist vor mir, weil er merkt, daß ich ihn einfangen möchte, dann fängt er plötzlich an, sich zu putzen. Sicherheit im Ritual, ist es nicht das, was er sucht? Daran muß er noch arbeiten! 
Ich grüße Euch recht herzlich und wünsche Euch einen schönen Schritt vorwärts im neuen 
Jahr! 
Eure Ulrike S. 
Bücher: 
Ulrike S. / G. Crombach / H. Reinecker: Der Weg aus der Zwangserkrankung 
Hilfreiche Briefe an Zwangskranke 
Verlag Vandenhoek & Ruprecht / Göttingen 
Im Frühjahr hoffe ich, Euch mit dem Buch „Tipps für Zwangskranke von A – Z“ (voraussichtlicher Titel) eine Hilfe zu sein. Es wird im gleichen Verlag erscheinen. Mitautor: Herr Prof Dr.H. Reinecker / Bamberg

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